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Markus Gabriels sog. Neuer Realismus ist verdrehter klassischer Realismus – ein missglückter Versuch, den Unterschied zwischen Realität und Wirklichkeit zu leugnen.


In seinem Buch Der Sinn des Denkens charakterisiert Markus Gabriel seinen Neuen Realismus wie folgt:


” Die meisten verbinden das Wort Realismus bis heute mit
[der] Annahme einer bewusstseinsunabhängigen Außenwelt.

Der Neue Realismus korrigiert das und sagt, warum sollte denn von dem, was offensichtlich existiert und wozu wir selber als geistige Lebewesen gehören, aber auch Sterne und Tische, warum sollte im Gefüge dessen, was offensichtlich existiert, unsereiner besonders unwichtig sein? Also dreht der neue Realismus jetzt die Perspektive um und behauptet

Erstens: Wir können die Wirklichkeit so erkennen, wie sie ist.

Zweitens: Unsere Erkenntnis der Wirklichkeit ist so wirklich wie alles andere.

Drittens: Die Wirklichkeit ist kein singulärer Gegenstand, in dem Slogan ausgedrückt » die Welt gibt es nicht «. Es gibt also, wenn man so will, viele Wirklichkeiten und nicht eine.

Das sind die Grundthesen des neuen Realismus.

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Was aber berechtigt Gabriel hier zur Schlussfolgerung, die Wirklichkeit sei kein singulärer Gegenstand und es gäbe viele Wirklichkeiten und nicht nur eine?

Ist es nicht vielmehr so, dass die “vielen Wirklichkeiten”, die Gabriel da grundlos vermutet, nichts anderes sind, als der Menschen subjekte Interpretation einer einzigen, auf uns wirkenden, ihrem wahren Wesen nach aber verborgenen Wirklichkeit (ganz so, wie die Quantenphysik es lehrt)?

Man erkennt also: Im verzweifelten Versuch, seine merkwürdige, allzu vorschnell publizierte These, die Welt existiere nicht, zu rechtfertigen, dreht Gabriel sich mit seinem Denken nun schon seit 2009 im Kreis und will – wohl ohne es selbst zu merken – einfach nicht zurückfinden zu einer wichtigen Erkenntnis, die erstmals Parmenides und Platon, später Kant, schließlich aber auch Nils Bohr und Werner Heisenberg ständig neu entdeckt haben. Sie alle erkannten, was Gabriel uns jetzt wieder vergessen lassen möchte:

    Realität ist etwas durch unseren Verstand Konstruiertes (etwas Subjektives).

    Erst Wirklichkeit ist das objektiv Vorhandene: das tatsächlich Wirkende.

    Realität entsteht durch erst Interpretation und dann Extrapolation von Information, die unsere Sinne empfangen und dem Gehirn zuleiten.

    Sie ist nicht selten stark subjektiv geprägt, da wir oft nur erkennen, was wir erwarten vorzufinden.

Man kann es auch so ausdrücken:

Aller Sinn, den wir der Welt unterstellen, entsteht in uns selbst.

Die Wirklichkeit ist wie eine weiße Leinwand. Wir “bemalen” sie selbst durch unser Denken, und das so entstandene Bild ist die Realität, in der wir leben.

Gabriels erfindet grundlos viele Wirklichkeiten wohl nur im verzweifelten Versuch, seine These zu rechtfertigen, dass es die Welt als Ganzes gar nicht gäbe.

Physikern aber ist klar: Es gibt nur eine Wirklichkeit, aber jeder sieht sie durch die eigene subjektive Brille. Die Welt, die nach Gabriels Meinung nicht existieren kann, ist eben diese Wirklichkeit.

Wir sehen: Gabriels Neuer Realismus ist überflüssig wie ein Kropf und tatsächlich selbst vom Ergebnis her einfach nur ontologisches Larifari.

Dass Gabriels These im Hochschulbereich bisher wohl nur durch einen einzigen Fachkollegen, den Österreicher Prof. Peter Strasser, als Windei erkannt worden ist, spricht ganz sicher nicht für die Kompetenz oder das Rückrat der Gemeinschaft deutscher Ver­treter der Wissenschaft Philosophie.

Vielleicht ist also doch richtig, was Weischedel in seinem Buch Die philosophische Hintertreppe (2005) schrieb:

    “Wer alt geworden ist und sein Ende nahen fühlt, dem mag es wohl geschehen, dass er in einer ruhigen Stunde an die Anfänge seines Lebens zurückdenkt.

    Das widerfährt auch der Philosophie. Sie ist nun zweieinhalb Jahrtausende alt, und es gibt nicht wenige, die ihr einen baldigen Tod voraussagen.

    Und wer heute Philosophie betreibt, den mag wohl manchmal das Gefühl beschleichen, es sei eine müde und klapprig gewordene Sache, mit der er sich abgibt.

Aber natürlich spricht Weischedel hier nur von Möchtegern-Philosophen, also nicht von wahren Philosophen, deren Werk sie überleben wird, da sie nachdenken, statt nur möglichst viel und möglichst schnell zu reden, mit dem Ziel einer staunenden Zuhörer­schaft “Forschungsergebnisse” zu verkaufen, welche uns davon zu über­zeugen sollen, dass wir in einer gar nicht existierenden Welt leben.

Existenz – wie man diesen Begriff zu verstehen hat


Schon einige Philosphen und Physiker – u.A. auch Kant – haben klar erkannt:

Wir wissen nicht (und können ganz grundsätzlich nicht wissen), in welch konkreten Form die Wirkichkeit existiert. Was wir als real erachten, ist Deutung von Impulsen, die unsere Sinnesorgane erreichen – mehr nicht.

Farbe etwa, existiert höchstens als Wellenlänge elektromagnetischer Strahlung.

Die theoretischen Physiker sind heute der Meinung, dass Einsteins Theorie uns gezeigt habe, dass der Raum nur existiert als Abstand zwischen Objekten – von Objekten jeder nur denkbaren Größe, angefangen mit Elementarteilchen bis hin zu ganzen Sternen: so wie es schon Leibniz vermutet hat.

Abstand aber ist gegeben als Anzahl der Schwingungen, die in einer bestimmten Variante eines Cäsium-Atoms passieren, während es sich schnellstmöglich von A nach B bewegt (wo A und B die beiden Objekte sind, von deren Abstand wir sprechen wollen). Wir interpretieren das Cäsium-Atom als Uhr und die Anzahl dieser Schwingungen als Zeit, die vergeht, während sich das Atom von A nach B bewegt. Zeit ist demnach nur Ausdruck von Veränderung. Wir wissen nicht, ob sie zudem noch in irgend einer konkreteren Form existiert.

Carlo Rovelli – ein theoretischer Physiker, der u.A. auch Zeitforscher ist – schrieb (nicht wörtlich, aber sinngemäß auf Seite 94 seines Buches Die Ordnung der Zeit):

Die Veränderungen, denen das Universum unterworfen ist (die Ticks jener Uhren) lassen sich nicht als eine einzige Aufeinanderfolge von Veränderungen des Zustandes des Universums organisieren: Die Zeitstruktur der Welt ist nicht nur eine einfache lineare Abfolge von Augenblicken. Aber das macht die Zeit weder inexistent noch illusorisch.

Wenn also viele glauben, die Zeit sei nur Illusion, der Raum aber konkret, so sieht Carlo Rovelli das eher umgekehrt.

Tatsache ist (wie Rovelli ganz richtig feststellt): Das Wort “existiert” hat für sich allein gar keine Bedeutung. Alles, von dem wir sagen, es existiere, kann nur in dieser oder jener Rolle existieren.

Dass eine Sache existiert, kann von Fall zu Fall völlig unterschiedlich gemeint sein: ein Gesetz, ein Stein, eine Nation, ein Krieg, eine Figur aus einer Komödie, der Gott einer Religion, eine Märchengestalt, das Einhorn, von dem wir träumen, die große Liebe, eine Zahl, die Welt, … – all das existiert, aber jeweils doch in völlig unter­schiedlichem Sinne. Pinocchio etwa existiert als literarische Figur, aber nicht als Mensch, den man anfassen kann.

Kurz: Danach zu fragen, ob Raum oder Zeit existieren, wie “real” sie also sind, bedeutet einfach nur, danach zu fragen, in welcher Bedeutung wir diese Worte gebrauchen wollen. Das wiederum hängt davon ab, wen man frägt: Dich, mich, einen Physiker oder einfach nur ein Kind, dem all diese Erwägungen fremd sind.

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Nur Markus Gabriel sollten wir nicht fragen: Er nämlich behauptet, dass “Polizei­­uniform tragende Einhörner auf der Rückseite des Mondes” existieren, obgleich die Welt als Ganzes nicht existiere. Letzteres sei daran zu erkennen, dass jeder Versuch, ihren Inhalt aufzuzählen, scheitern muss.

Geht es wirklich noch einfältiger? Kann man das noch als ernst zu nehmendes Ergebnis eines Wissenschaftlers bezeichnen? Macht es Sinn, darüber ein Buch zu schreiben? Oder noch weiter über die Frage der Existenz der Welt zu forschen, wie Gabriel es zu Ende seiner Antrittsvorlesung versprach?

Warum – so frage ich mich – kann ausgerechnet der Inhaber eines Lehrstuhls für Existenzphilosophie nicht einsehen, dass Existenz stets nur rollenspezifisch gedachte Existenz sein kann?

Das ist umso erstaunlicher, wo er doch selbst darauf besteht, dass man auch alles nur in Gedanken Existierende als existent anzusehen habe.

Auf die Feststellung der Journalistin Silke Weber: “Sie wollen die Trennung zwischen der Welt und der Vorstellungswelt aufsprengen und widerlegen dabei eben mal Philosophen wie Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche, Jacques Derrida …” beeilt sich Gabriel zu antworten: … mindestens die, ja. [Zeit Online: Interview mit Markus Gabriel vom 7.11.2014: “Real ist, was real ist”.]

Meiner Ansicht nach hat Markus Gabriel – wahrscheinlich, weil er mal was über die Nichtexistenz der Menge aller Mengen gelesen, das Argument dort aber nicht verstanden hat – keinen einzigen dieser Philo­so­phen widerlegt!

Schade, dass er nicht bereit ist, mit mir oder anderen darüber zu diskutieren.

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Gabriels Erkenntnistheorie: Einfach nur ein Denkfehler?


Unter dem sog. Neuen Realismus versteht man eine philosophische Debatte, welche — unter eben diesem Namen — Markus Gabriel und Maurizio Ferraris am 23. Juni 2011 (um 13:30, wie sie schreiben) bei einem gemeinsamen Mittagessen in Neapel losgetreten haben.

Gabriel hat sie zum Aushängeschild für sich selbst gemacht und zum Startpunkt seiner Karriere als Inhaber eines Lehrstuhls für Erkenntnistheorie.

Seine Bücher verkaufen sich gut, da sein Buch » Warum es die Welt nicht gibt « ihn paukenschlag­artig bekannt gemacht hat. Er argumentiert darin — wie vorher schon in seiner Antrittsvorlesung 2009 —, dass alles existiere, die Welt als Ganzes aber nicht existiere.

Gabriels Argumentation ist einfach, denn sie geht von nur zwei Aussagen aus, die er als wahr unterstellt:

  • Zu existieren bedeutet, in einem Sinnfeld aufzutreten, und
  • die Welt müsse man sehen als das Sinnfeld aller Sinnfelder (wobei man sich unter einem Sinnfeld einen Gegenstandsbereich vorzustellen habe).

Hieraus, so seine Aussage, sehe man sofort: Würde es die Welt geben, müsste sie in einem Sinnfeld auftreten. Das aber könne sie nicht, da sie ja das Sinnfeld aller Sinnfelder sei.

Was er seinen Zuhörern — bewusst oder irrtümlich? — verschweigt, ist, dass in einem Sinnfeld aufzutreten, nicht notwendig bedeuten muss, dort als Element aufzutreten. Man kann dort auch als Teilmenge auftreten.

Da das Sinnfeld aller Sinnfelder nun aber ganz sicher Teilmenge seiner selbst im mengentheoretischen Sinne ist, müsste Gabriel zum — natürlich viel weniger spektakulären — Schluss kommen, dass die Welt durchaus existieren kann (da sie ja Teilmenge ihrer selbst ist).

Sein Buch mit dem werbewirksamen Titel » Warum die Welt nicht existiert « müss­te er dann aber wohl einstampfen. Und auch seine Antrittsvorlesung, in der er 2009 zum ersten Mal erklärt hat, wie er erkannt habe, dass die Welt als Ganzes nicht existieren kann, würde dann für ihn zur Peinlichkeit.

Ich möchte ihm keine unredliche Absicht unterstellen, kann mir aber doch nicht verkneifen zu sagen:

Gabriels Argumentation, sein spektakuläres “Forschungsergebnis” zu begründen, erinnert mich an ein der damaligen Gesellschaft einen Spiegel vorhaltendes Märchen, das im 19. Jahrhundert in satirischen Zeitschriften gerne abgedruckt wurde: Es geht da um Till Eulenspiegel, einen frechen Schalk, dem es gelang, die Ratsherren einer beschaulichen Kleinstadt davon zu überzeugen, dass ihr neu zu erbauendes Rathaus keine Fenster benötige, da man Licht ja in Kübeln hinein­tragen könne. Jene Ratsherren, so die Geschichte, haben Eulenspiegel — reich belohnt für solch guten Rat — freundlich verabschiedet und ihre Dummheit erst bemerkt, als er schon lange weg war.

Nachtrag:

Natürlich habe ich – mehrfach sogar – versucht, Gabriel auf seinen Denkfehler aufmerksam zu machen. Geantwortet hat er mir nicht, und so gehe ich davon aus, dass er meine Argumentation entweder nicht versteht oder gar nicht verstehen will. Oder könnte es sein, dass er immer noch damit beschäftigt ist, genau das zu tun, was er gegen Ende seiner Antrittsvorlesung 2009 explizit versprach: weiter darüber zu “forschen”, wie Sinnfelder zu noch mehr Einsicht führen können als nur zur Erkenntnis, dass die Welt nicht existent sein kann?

Fast unglaublich finde ich, dass nun schon ganze 10 Jahre lang keiner von Gabriels Fachkollegen die fehlende Logik seiner Argumentation kritisiert hat.

Was sagt uns das über die Kompetenz der Mehrzahl aller Vertreter der Wissen­schaft Philosophie? Warum macht man sich nicht daran, seine Argumentation zu prüfen (so wie das in den Naturwissenschaften ganz sicher passieren würde)? Wird Philosophie neuerdings zur Pseudowissenschaft, oder war sie das in großen Teilen schon immer?

Karl Jaspers, da bin ich ganz sicher, hätte Gabriels Denkfehler sofort erkannt. Seinen Standard, in wirklich jeder Hinsicht absolut sauber zu denken, hat Gabriel noch lange nicht erreicht.

Gabriel redet schnell, ihm zuzuhören finde ich unterhaltsam und der Mühe wert. Aber so schnell er redet, so wenig genau denkt er (so jedenfalls meine Meinung).

Ich bin gespannt, wann ihm selbst Letzteres bewusst werden wird.

John Searle, vormals Professor für Philosophie in den USA, bezeichnete Gabriel 2016 als den derzeit “besten” Philosophen Deutschlands. Da frage ich mich dann doch: Macht allein schon umfassende Kenntnis all dessen, was andere Philosphen geschrieben haben, jemand zu einem brauchbaren Erkenntnistheoretiker?

Die Philosophie ist eine Disziplin, die oft mit hohem Alter in Verbindung gebracht wird. Dennoch, so bekennt Gabriel wörtlich, “kann man sich in jüngerem Alter durchaus Gehör verschaffen, auch wenn man mit einer originellen These riskiert, heftiger als ältere Kollegen kritisiert zu werden“.

Was Neuen Realismus betrifft, so erscheint mir bisher nur lesenswert ein Beitrag des Italieners Maurizio Ferraris: » Was ist der Neue Realismus? «. Man findet ihn auf den Seiten 52-75 des kleinen Büchleins Der Neue Realismus (2014), dessen Herausgeber Markus Gabriel ist.

Wegen Gabriels Denkfehler sollte man den Begriff » Neuer Realismus « ersetzen durch den hier definierten Begriff » Realistischer Realismus «. Auch er spricht von Sinn, benötigt hierfür aber nicht den allzu unklaren Begriff der Sinnfelder.
 

An Markus Gabriel: Wie Sinnfelder sich vereinigen


Unter einem Sinnfeld versteht man wohl am besten die gedankliche Welt eines Gehirns.

Wenn nun z.B. zwei Menschen ihre Vorstellungen zu irgend einem Thema erstmals miteinander diskutieren, werden sich diese Vorstellungen gegenseitig beeinflussen, irgendwie also modifizieren.

Man erkennt daraus:

Wo Sinnfelder mit einander in Berührung kommen “ins jeweils andere hineinsehen”, wird das die Gedanken, aus denen sie bestehen i.A. nicht unverändert lassen.

Damit ist klar: Wo Sinnfelder sich vermischen, vermischen sie sich nicht wie Mengen großer Steine, sondern wie Portionen unterschiedlich gefärbter Flüssigkeiten.

Eben deswegen kann ich Markus Gabriels Argumentation, das Sinnfeld aller Sinnfelder könne nicht existieren, nicht nachvollziehen.

    Wenn er mir jetzt nicht zuhören möchte, erinnere ich ihn an seine so ganz entschiedene Aussage im Video » Mein Buch: Warum es die Welt nicht gibt «, dort Minute 7:58 bis 8:28 und weiter bis 9:05.

Gabriel argumentiert mengentheoretisch und denkt, dass derselbe Gedankengang, der uns erkennen lässt, dass es die Menge aller Mengen nicht geben kann, auch dafür gut sei, zu erkennen, dass das Sinnfeld aller Sinnfelder — die Welt in Gabriels Sinne — nicht existieren könne.

Dem aber ist nicht so, denn in einem Sinnfeld aufzutreten — d.h. zu existieren in Gabriels Sinne — bedeutet nicht, als Gedanke im Sinnfeld unbeeinflusst von anderen dort enthaltenen Gedanken weiter Bestand zu haben.

Kurz: Die Welt ist nicht Menge aller Sinnfelder, sondern Amalgam (Ergebnis eines oft nicht mehr rückgängig zu machendem Zusammenfließens) von Sinnfeldern.

In einem Sinnfeld aufzutreten bedeutet deswegen nicht immer nur, Element des Sinnfeldes zu sein: In vielen Fällen wird es bedeuten, Teilmenge zweier sozusagen “zusammengeschütteter” Sinnfelder zu sein, wo das “Zusammenschütten” dem sich Mischen von Wasser unterschiedlicher Färbung entspricht.

Mengentheoretisch gesehen könnte man also sagen:

In einem Sinnfeld aufzutreten muss keineswegs immer nur bedeuten, Element des Sinnfeldes su sein: Es kann auch bedeuten, nicht mehr auflösbares Amalgam, mindestens aber Teilmenge davon geworden zu sein.

Wer das anerkennt, kann logischerweise nicht mehr zum Schluss kommen, dass es die Welt als Ganzes nicht geben könne:

Es ist ja schließlich sogar jede Menge Teilmenge ihrer selbst.
 

Was ist von einer philosophischen Bewegung zu halten, die den Aussagen anerkannter Physik widerspricht?


 
Unter dem Banner » Neuer Realismus « hat sich eine philosophische Bewegung etabliert, die sich gegen den postmodernen Konstruktivismus und imperialistischen Naturalismus gleichermaßen wendet (vgl. Die Rückkehr des Absoluten).

Hauptgegner ist der postmoderne Konstruktivismus, der — wie einige Philosophen meinen — in der heutigen Kultur- und Wissenschaftslandschaft in verschiedenen Spielarten sein Unwesen treibe.

Der Erkenntnistheoretiker Markus Gabriel von der Universität Bonn gehört zu den Vätern dieser Bewegung. Anlässlich ihres fünfjährigen Bestehens hat er 2016 in der NZZ eine Bilanz gezogen. Darin beschreibt er die wesentlichen Stoßrichtungen seines philosophichen Ansatzes und verkündet, es sei unsinnig, anzunehmen, dass wir das Wirkliche nicht so erkennen können, wie es an sich ist,

Dem aber muss ganz entschieden widersprochen werden.

Machen wir uns das anhand von nur zwei Beispielen (beides Erkenntnisse der Quantenphysik) ganz klar:

  • Was wir als unterschiedliche Farben wahrnehmen, ist genau genommen elektromagnetische Strahlung unterschiedlicher Wellenlänge. Erst unser Gehirn setzt unterschiedliche Wellenlänge von Licht um in das, was wir unterschiedliche Farben nennen.

  • Mit Materie ist es ähnlich: Wie die Quantenphysik uns beweist, ist jedes Stück Materie nichts weiter als Summe von Wellen im Feld der 4 physikalischen Grundkräfte.

    Eben deswegen schrieb Hans-Peter Dürr (Zitat): Ich habe als Physiker 50 Jahre lang — mein ganzes Forscherleben — damit verbracht zu fragen, was eigentlich hinter der Materie steckt. Des Endergebnis ist ganz einfach: Es gibt keine Materie!

Der von Markus Gabriel viel zu unüberlegt kritisierte Steven Hawking schrieb (noch viel allgemeiner, Zitat):

    Es hat keinen Zweck, sich auf die Wirklichkeit zu berufen, da wir kein modellunabhängiges Konzept der Wirklichkeit besitzen.

Wir sehen also:

Physiker wissen ganz genau, dass wir die Wirklichkeit nicht so kennen, wie sie wirklich ist. Wir können nur — über Sinnesorgane und Messgeräte — Impulse der Wirklichkeit empfangen, müssen und werden sie dann aber im Sinne geeigneter gedanklicher Modelle interpretieren. Wie die Wirklichkeit tatsächlich beschaffen ist, weiß niemand zu sagen.

Gabriel ignoriert solche Erkenntnis. Und das, obgleich sie mehrfach erst durch Philosophen erkannt und dann durch die moderne Physik klar bestätigt wurde.

Nochmals also: Naturwissenschaft zeigt: Neuer Realismus ist ein Irrweg.

Warum will Markus Gabriel das selbst als Inhaber eines Lehrstuhls für Erkenntnis­theorie nicht wahrhaben? Warum verschließt er sich allge­mein anerkannten Erkenntnissen moderner Physik?

Hat Markus Gabriels Erkenntnistheorie wissenschaftlichen Wert?


Markus Gabriel – Philosoph und Inhaber eines Lehrstuhls für Erkenntnistheorie – ist eine recht spannende Persönlichkeit:

Er schafft es – und sieht es als eines seiner erklärten Ziele -, Philosophie unters Volk zu bringen.

Das ist zu begrüßen, hat aber seinen Preis:

Gabriels Startpunkt als Professor für Philosophie war seine – gewollt oder ungewollt – überaus werbewirksame These:

    • “Alles existiert, nur die Welt als Ganzes existiert nicht”

Wer nun aber versucht, Gabriels Argumentation hin zu diesem Denkergebnis zu verstehen, wird bitter enttäuscht, da sich schnell zeigt, dass sie ganz gravierende handwerkliche Mängel aufweist:

Sie basiert auf dem Begriff » Sinnfeld «, für den Gabriel aber versäumt, eine Definition zu geben.

Er geht aus von der Annahme, die Welt sei das Sinnfeld aller Sinnfelder.

Da er sehr belesen ist, und so natürlich auch Bertrand Russels Schriften kennt, ist ihm aufgefallen, dass Russel zeigen konnte, dass der Begriff » die Menge aller Mengen « nicht wohldefiniert ist, genauer: dass es die Menge aller Mengen nicht geben kann.

Wohl nur in Analogie dazu behauptet Gabriel, die Welt (als Sinnfeld aller Sinn­felder), könne nicht existieren.

Er übersieht dabei, dass Cantor Mengenlehre vom Axiom ausgeht » Keine Menge ist Element ihrer selbst «. Erst dieses Axiom hat zur Folge, dass die Menge aller Mengen nicht existieren kann.

Gilt Analoges, wie Gabriel ohne Begründung annimmt, aber auch für Sinnfelder?

Dies zu entscheiden, müsste der Begriff des Sinnfeldes erst mal genau definiert sein. Gabriel versäumt, in genau zu definieren. Welchen Wert kann dann aber seine Schlussfolgerung haben, dass die Welt – als Sinnfeld aller Sinnfelder – nicht existiere?

Wem diese Argumentation als allzu theoretisch erscheint, bedenke Folgendes:

Gabriel verkündet:

    “I point out that the world does not and cannot exist!

    It is a bit like the biggest natural number: once you know what a natural number is, you know there is no such thing as the biggest natural number — once you know what existence is and what the world is, you know that the world does not and cannot exist.

Er übersieht dabei, dass, in seinem Gleichnis, die Welt nicht einer natürlichen Zahl entspricht, die größer wäre als alle anderen, sondern dass sie der Menge aller natürlichen Zahlen entspricht. Sie aber ergibt sich (und existiert) als Vereinigung all ihrer endlichen Teilmengen.

Mit der Welt ist es ebenso: Selbst wenn man davon ausgeht, dass kein einziges Sinnfeld die ganze Welt umfasst, existiert die Welt eben doch als Vereinigung aller jemals gedachten Sinnfelder.

Gabriels Fehler also:

Er vergleicht die Welt mit etwas, das nicht existiert (eine größte natürliche Zahl) und glaubt dann, dies sei ein Beweis dafür, dass die Welt nicht existieren könne.

Kann man derart schlampige Argumentation dem Inhaber eines Lehrstuhls für Erkenntnistheorie durchgehen lassen?

Warum mich Markus Gabriel — als Professor der Philosophie — ein wenig an Boris Johnson erinnert


Im Interview MARKUS GABRIEL wird Markus Gabriel, ein noch sehr junger Professor für Philosophie, wie folgt zitiert:


    Since Kant, many philosophers have realized that there is no single point of view, no view from nowhere, from which we could possibly observe the world in the sense of absolute totality.

    Hence, the prevalence of certain forms of skepticism: how can we ever know the real, given its infinite complexities? Instead of arguing that we cannot have a theory of everything because of some kind of human or scientific limitation, I point out that the world does not and cannot exist!

    It is a bit like the biggest natural number: once you know what a natural number is, you know there is no such thing as the biggest natural number — once you know what existence is and what the world is, you know that the world does not and cannot exist. In order to get there, I first came to the con­clusion that to exist is for something to appear in a field of sense, as I put it.

    The idea is quite simple: Germany exists, the number three exists, nightmares exist, and unicorns exist (in movies, for instance). What this really means is: Germany appears in the history of Europe; the number three in the series of natural numbers; nightmares in our everyday lives or in psychoanalysis; unicorns in movies and our accounts of what happens in them. There is no single, general feature of existence that is shared by Germany, the number three, nightmares, and unicorns, yet they all exist! The world, had it existed, would have been a field of sense of all other fields of sense. But what notion of existence would be required for the world?

    Let me put this basic idea I spell out in various ways a little bit more intuitively, with the help of a thought experiment I call “Google Universe.” Imagine you use Google Earth and first see your street. You push minus and then see your city, your country, your continent, and ultimately Earth. If you could continue this with “Google Universe,” you would see the Milky Way, then a galaxy cluster, then more galaxies and in the end, the universe. But where do you stand if you see the universe as a whole? Well, nowhere! This is why this is impossible. “Google Universe” cannot exist.

 

Hieraus geht klar hervor, dass Existenz, wie Gabriel sie versteht, nur Dingen zukommen kann, die durch Menschen beobachtbar sind oder mindestens gedacht werden.

Dass ist ein sehr merkwürdiger Existenzbegriff, da er ja impliziert, dass nur existenz sein kann, was Gegenstand menschlicher Betrachtung ist.

Nun wissen Astrophysiker aber ganz genau, dass ständig Sterne über unseren Beobachtungshorizont hinaus wandern (und das sogar mit Lichtgeschwindigkeit). Da nicht anzunehmen ist, dass sie sofort hinter unserem Horizont aufhören physisch zu existieren, nur weil es uns ganz prinzipiell nicht mehr möglich ist, sie zu sehen, macht solcher Existenzbegriff keinerlei Sinn.

Noch mehr irritiert, dass Markus Gabriel — nicht nur als Philosoph, sondern auch als Inhaber eines Lehrstuhls für Erkenntnistheorie — uns offenbar gar nicht klar machen möchte, was sein Existenzbegriff bedeutet. Er lässt seine Zuhörer im Glauben, dass er und sie unter Existenz ein und dasselbe verstehen.

Das einzige, was Gabriel ständig — recht werbewirksam und nun schon seit 2009 — wiederholt, ist seine spektakuläre Aussage (Zitat):


    The idea is quite simple: Germany exists, the number three exists, nightmares exist, and unicorns exist (in movies, for instance). What this really means is: Germany appears in the history of Europe; the number three in the series of natural numbers; nightmares in our everyday lives or in psychoanalysis; unicorns in movies and our accounts of what happens in them.

 

Nur die Welt als Ganzes aber – die doch auch Gegenstand unseres Denkens sein kann – existiert seiner Meinung nach NICHT. Den Beweis bleibt er schuldig, denn soweit er ihn bisher versucht hat zu geben, war seine Argumentation alles andere als schlüssig (mehr dazu auf Seite Logischer Realismus — die gut begründete Gegenposition zum Neuen Realismus: eine Kritik, auf die Gabriel bisher nicht reagiert hat).

Wie also ist Markus Gabriel einzuordnen?

Will er nicht verstehen, dass Existenz immer nur Existenz in einer bestimmten Rolle sein kann (dass es also Dinge gibt, die in einer Rolle existent, in einer anderen aber nicht existent sind)?

Da ich Gabriel für einen sehr intelligenten Menschen halte, gehe ich davon aus, dass er das sehr wohl weiß. Warum aber verschweigt er es und setzt sich so dem Verdacht aus, dass es ihm einfach nur darum gehen könnte, möglichst werbe­wirksam spektakuläre Aussagen in die Welt zu setzen, von denen er ganz genau wissen sollte, dass die Mehrzahl all seiner Zuhörer sie wörtlich nehmen werden. Würde das dann aber nicht schon an ganz bewusste Lüge grenzen? Wäre sie eines Wissenschaftlers würdig?

Logischer Realismus — die gut begründete Gegenposition zum Neuen Realismus


Markus Gabriel, seit 2009 Inhaber eines Lehrstuhls für Erkenntnistheorie an der Universität Bonn, beschreibt sein bisher wohl bemerkenswertetes “Forschungs­ergebnis” in eigenen Worten wie folgt:


    “Die Welt kann nicht existieren, weil sie nicht in der Welt vorkommt. Aber mit Ausnahme der Welt gibt es alles — auch Polizeiunform tragende Einhörner auf der Rückseite des Mondes”.

 
In seiner Antrittsvorlesung [AV] begündete er diesen seinen Standpunkt mit der — wie wir gleich zeigen werden keineswegs schlüssigen — Argumentation, dass die Welt, da sie nicht auflistbar ist, nicht existent sein könne.

In seinem Buch » Warum es die Welt nicht gibt « , Ullstein 2013, argumentiert er auf Seite 96-126 deutlich anders, aber keineswegs überzeugender: Die Welt, so schreibt Gabriel dort, könne nicht existieren, da sie ja in einem Sinnfeld auftrete, somit als Teil ihrer selbst auftrete, was ein Widerspruch zur Annahme sei, sie existiere.

Sein Denkfehler: Er übersieht, dass nichts, was in einem Sinnfeld auftritt, dort dann notwendigerweise auch schon in vollem Umfang auftritt.

Es lohnt sich also, Markus Gabriels Neuem Realismus als Gegenposition folgende Argumentation entgegenzustellen, die man dann als Beginn des Zeitalters des Logischen Realismus sehen kann:

Logischer Realismus geht von folgender Grundposition aus:

    Ein Ding D existiert — wenigstens als Sinnfeld —, sobald ihm jemand Sinn S zugeordnet hat mit dem Effekt, dass (D,S) sich dann als widerspruchsfreies Sinnfeld darstellt.

    Sinnvoll sprechen lässt sich nur über Dinge, denen der Sprecher schon Sinn zugeordnet hat.

    Existenz kann ihnen nur zukommen, wenn jener Sinn sie widerspruchsfrei interpretiert.

    Daher sei definiert:

    Die Welt eines Denkers besteht aus allen ihm bewusst gewordenen, widerspruchsfreien Sinnfeldern (D,S).

    Unter der Welt generell verstehen wir die Vereinigung der Welten aller Denker, die je geboren wurden. Sie ist eine ständig wachsende Klasse (oder gar Menge?) widerspruchsfreier Sinnfelder.

    Konsequenz daraus:

    Die Welt, als Sinn machendes Konzept, wird erschaffen und wächst durch unser bewusstes Denken.

    Sie existiert, soweit die darin enthaltenen Sinnfelder (= widerspruchsfreien Konzepte) Instanzen haben.

    Ein sinnbehaftetes Ding ( D2, S2 ) gilt als Instanz eines Konzepts ( D1, S1 ), wenn die Aussage » ( D2, S2 ) ist ein ( D1, S1 ) « Tatsache ist.

    Würde die Welt nicht existieren, gäbe es — nach dieser Definition — kein einziges Konzept mit Instanzen. Das aber ist falsch, da es jede Menge mathematischer Konzepte gibt, die ganz klar Instanzen haben (das Konzept » natürliche Zahl « ist das wohl wichtigste Beispiel hierfür).

    Wir sehen also: Die Welt existiert. Genauer noch: Sie existiert als eine durch die Relation » ist ein « geordnete Menge widerspruchsfreier Sinnfelder.

Nebenbei noch:

Markus Gabriel, letzlich aber auch der Logische Realismus, kennt die Welt als die Gesamtheit aller Dinge, Tatsachen und Sinnfelder.

Beide, der Neue Realismus wie auch der Logische Realismus, verstehen unter einem Ding neben allem, was materieller Art ist, natürlich auch Gedanken, Aus­sagen etwa, oder z.B. physikalische Kräfte, eben alles, was sich uns über unsere Sinne mitteilen oder in unserem Gehirn erzeugt werden kann.

Damit grenzen beide sich ganz entschieden ab vom Materialismus, über den Markus Gabriel schreibt (S. 43-45 in seinem Buch):

    “Der Materialist meint, dass es unsere Einbildungen von nicht-materiellen Gegen­ständen nur gibt, weil wir uns in bestimmten materiellen Zuständen befinden.

    Seine Behauptung, dass der Gedanke » Es gibt nur materielle Zustände « wahr sei, kann man nicht dadurch verifizieren, dass man sich alle Gegenstände (und damit auch alle Gedanken) ansieht und überprüft, ob sie materiell sind.

    Doch woher weiß der Materialist dann, dass alle Gegenstände materielle Zustände sind? Wenn er uns dies nicht mitteilen kann, haben wir keinen Grund, uns dem Materialismus anzuschließen.

    Der Materialismus ist somt keine naturwissenschaftlich beweisbare Aussage. Aber nicht nur das, er ist auch schlicht falsch.”

Letzters — nämlich falsch zu sein (da er der Welt falsche Struktur unterstellt) — werfe ich, Gebhard Greiter, auch dem Neuen Realismus vor.

Es sei nun jeder ernsthaft an Philosophie Interessierte aufgerufen, zu überprüfen, in welchem Umfang er meine oben skizzierte » Logische Sinnfeld-Ontologie « als schlüssig anerkennen kann.