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Markus Gabriels sog. Neuer Realismus ist verdrehter klassischer Realismus – ein missglückter Versuch, den Unterschied zwischen Realität und Wirklichkeit zu leugnen.


In seinem Buch Der Sinn des Denkens charakterisiert Markus Gabriel seinen Neuen Realismus wie folgt:


” Die meisten verbinden das Wort Realismus bis heute mit
[der] Annahme einer bewusstseinsunabhängigen Außenwelt.

Der Neue Realismus korrigiert das und sagt, warum sollte denn von dem, was offensichtlich existiert und wozu wir selber als geistige Lebewesen gehören, aber auch Sterne und Tische, warum sollte im Gefüge dessen, was offensichtlich existiert, unsereiner besonders unwichtig sein? Also dreht der neue Realismus jetzt die Perspektive um und behauptet

Erstens: Wir können die Wirklichkeit so erkennen, wie sie ist.

Zweitens: Unsere Erkenntnis der Wirklichkeit ist so wirklich wie alles andere.

Drittens: Die Wirklichkeit ist kein singulärer Gegenstand, in dem Slogan ausgedrückt » die Welt gibt es nicht «. Es gibt also, wenn man so will, viele Wirklichkeiten und nicht eine.

Das sind die Grundthesen des neuen Realismus.

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Was aber berechtigt Gabriel hier zur Schlussfolgerung, die Wirklichkeit sei kein singulärer Gegenstand und es gäbe viele Wirklichkeiten und nicht nur eine?

Ist es nicht vielmehr so, dass die “vielen Wirklichkeiten”, die Gabriel da grundlos vermutet, nichts anderes sind, als der Menschen subjekte Interpretation einer einzigen, auf uns wirkenden, ihrem wahren Wesen nach aber verborgenen Wirklichkeit (ganz so, wie die Quantenphysik es lehrt)?

Man erkennt also: Im verzweifelten Versuch, seine merkwürdige, allzu vorschnell publizierte These, die Welt existiere nicht, zu rechtfertigen, dreht Gabriel sich mit seinem Denken nun schon seit 2009 im Kreis und will – wohl ohne es selbst zu merken – einfach nicht zurückfinden zu einer wichtigen Erkenntnis, die erstmals Parmenides und Platon, später Kant, schließlich aber auch Nils Bohr und Werner Heisenberg ständig neu entdeckt haben. Sie alle erkannten, was Gabriel uns jetzt wieder vergessen lassen möchte:

    Realität ist etwas durch unseren Verstand Konstruiertes (etwas Subjektives).

    Erst Wirklichkeit ist das objektiv Vorhandene: das tatsächlich Wirkende.

    Realität entsteht durch erst Interpretation und dann Extrapolation von Information, die unsere Sinne empfangen und dem Gehirn zuleiten.

    Sie ist nicht selten stark subjektiv geprägt, da wir oft nur erkennen, was wir erwarten vorzufinden.

Man kann es auch so ausdrücken:

Aller Sinn, den wir der Welt unterstellen, entsteht in uns selbst.

Die Wirklichkeit ist wie eine weiße Leinwand. Wir “bemalen” sie selbst durch unser Denken, und das so entstandene Bild ist die Realität, in der wir leben.

Gabriels erfindet grundlos viele Wirklichkeiten wohl nur im verzweifelten Versuch, seine These zu rechtfertigen, dass es die Welt als Ganzes gar nicht gäbe.

Physikern aber ist klar: Es gibt nur eine Wirklichkeit, aber jeder sieht sie durch die eigene subjektive Brille. Die Welt, die nach Gabriels Meinung nicht existieren kann, ist eben diese Wirklichkeit.

Wir sehen: Gabriels Neuer Realismus ist überflüssig wie ein Kropf und tatsächlich selbst vom Ergebnis her einfach nur ontologisches Larifari.

Dass Gabriels These im Hochschulbereich bisher wohl nur durch einen einzigen Fachkollegen, den Österreicher Prof. Peter Strasser, als Windei erkannt worden ist, spricht ganz sicher nicht für die Kompetenz oder das Rückrat der Gemeinschaft deutscher Ver­treter der Wissenschaft Philosophie.

Vielleicht ist also doch richtig, was Weischedel in seinem Buch Die philosophische Hintertreppe (2005) schrieb:

    “Wer alt geworden ist und sein Ende nahen fühlt, dem mag es wohl geschehen, dass er in einer ruhigen Stunde an die Anfänge seines Lebens zurückdenkt.

    Das widerfährt auch der Philosophie. Sie ist nun zweieinhalb Jahrtausende alt, und es gibt nicht wenige, die ihr einen baldigen Tod voraussagen.

    Und wer heute Philosophie betreibt, den mag wohl manchmal das Gefühl beschleichen, es sei eine müde und klapprig gewordene Sache, mit der er sich abgibt.

Aber natürlich spricht Weischedel hier nur von Möchtegern-Philosophen, also nicht von wahren Philosophen, deren Werk sie überleben wird, da sie nachdenken, statt nur möglichst viel und möglichst schnell zu reden, mit dem Ziel einer staunenden Zuhörer­schaft “Forschungsergebnisse” zu verkaufen, welche uns davon zu über­zeugen sollen, dass wir in einer gar nicht existierenden Welt leben.