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Warum mich Markus Gabriel — als Professor der Philosophie — ein wenig an Boris Johnson erinnert


Im Interview MARKUS GABRIEL wird Markus Gabriel, ein noch sehr junger Professor für Philosophie, wie folgt zitiert:


    Since Kant, many philosophers have realized that there is no single point of view, no view from nowhere, from which we could possibly observe the world in the sense of absolute totality.

    Hence, the prevalence of certain forms of skepticism: how can we ever know the real, given its infinite complexities? Instead of arguing that we cannot have a theory of everything because of some kind of human or scientific limitation, I point out that the world does not and cannot exist!

    It is a bit like the biggest natural number: once you know what a natural number is, you know there is no such thing as the biggest natural number — once you know what existence is and what the world is, you know that the world does not and cannot exist. In order to get there, I first came to the con­clusion that to exist is for something to appear in a field of sense, as I put it.

    The idea is quite simple: Germany exists, the number three exists, nightmares exist, and unicorns exist (in movies, for instance). What this really means is: Germany appears in the history of Europe; the number three in the series of natural numbers; nightmares in our everyday lives or in psychoanalysis; unicorns in movies and our accounts of what happens in them. There is no single, general feature of existence that is shared by Germany, the number three, nightmares, and unicorns, yet they all exist! The world, had it existed, would have been a field of sense of all other fields of sense. But what notion of existence would be required for the world?

    Let me put this basic idea I spell out in various ways a little bit more intuitively, with the help of a thought experiment I call “Google Universe.” Imagine you use Google Earth and first see your street. You push minus and then see your city, your country, your continent, and ultimately Earth. If you could continue this with “Google Universe,” you would see the Milky Way, then a galaxy cluster, then more galaxies and in the end, the universe. But where do you stand if you see the universe as a whole? Well, nowhere! This is why this is impossible. “Google Universe” cannot exist.

 

Hieraus geht klar hervor, dass Existenz, wie Gabriel sie versteht, nur Dingen zukommen kann, die durch Menschen beobachtbar sind oder mindestens gedacht werden.

Dass ist ein sehr merkwürdiger Existenzbegriff, da er ja impliziert, dass nur existenz sein kann, was Gegenstand menschlicher Betrachtung ist.

Nun wissen Astrophysiker aber ganz genau, dass ständig Sterne über unseren Beobachtungshorizont hinaus wandern (und das sogar mit Lichtgeschwindigkeit). Da nicht anzunehmen ist, dass sie sofort hinter unserem Horizont aufhören physisch zu existieren, nur weil es uns ganz prinzipiell nicht mehr möglich ist, sie zu sehen, macht solcher Existenzbegriff keinerlei Sinn.

Noch mehr irritiert, dass Markus Gabriel — nicht nur als Philosoph, sondern auch als Inhaber eines Lehrstuhls für Erkenntnistheorie — uns offenbar gar nicht klar machen möchte, was sein Existenzbegriff bedeutet. Er lässt seine Zuhörer im Glauben, dass er und sie unter Existenz ein und dasselbe verstehen.

Das einzige, was Gabriel ständig — recht werbewirksam und nun schon seit 2009 — wiederholt, ist seine spektakuläre Aussage (Zitat):


    The idea is quite simple: Germany exists, the number three exists, nightmares exist, and unicorns exist (in movies, for instance). What this really means is: Germany appears in the history of Europe; the number three in the series of natural numbers; nightmares in our everyday lives or in psychoanalysis; unicorns in movies and our accounts of what happens in them.

 

Nur die Welt als Ganzes aber – die doch auch Gegenstand unseres Denkens sein kann – existiert seiner Meinung nach NICHT. Den Beweis bleibt er schuldig, denn soweit er ihn bisher versucht hat zu geben, war seine Argumentation alles andere als schlüssig (mehr dazu auf Seite Logischer Realismus — die gut begründete Gegenposition zum Neuen Realismus: eine Kritik, auf die Gabriel bisher nicht reagiert hat).

Wie also ist Markus Gabriel einzuordnen?

Will er nicht verstehen, dass Existenz immer nur Existenz in einer bestimmten Rolle sein kann (dass es also Dinge gibt, die in einer Rolle existent, in einer anderen aber nicht existent sind)?

Da ich Gabriel für einen sehr intelligenten Menschen halte, gehe ich davon aus, dass er das sehr wohl weiß. Warum aber verschweigt er es und setzt sich so dem Verdacht aus, dass es ihm einfach nur darum gehen könnte, möglichst werbe­wirksam spektakuläre Aussagen in die Welt zu setzen, von denen er ganz genau wissen sollte, dass die Mehrzahl all seiner Zuhörer sie wörtlich nehmen werden. Würde das dann aber nicht schon an ganz bewusste Lüge grenzen? Wäre sie eines Wissenschaftlers würdig?

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Logischer Realismus — die gut begründete Gegenposition zum Neuen Realismus


Markus Gabriel, seit 2009 Inhaber eines Lehrstuhls für Erkenntnistheorie an der Universität Bonn, beschreibt sein bisher wohl bemerkenswertetes “Forschungs­ergebnis” in eigenen Worten wie folgt:


    “Die Welt kann nicht existieren, weil sie nicht in der Welt vorkommt. Aber mit Ausnahme der Welt gibt es alles — auch Polizeiunform tragende Einhörner auf der Rückseite des Mondes”.

 
In seiner Antrittsvorlesung [AV] begündete er diesen seinen Standpunkt mit der — wie wir gleich zeigen werden keineswegs schlüssigen — Argumentation, dass die Welt, da sie nicht auflistbar ist, nicht existent sein könne.

In seinem Buch » Warum es die Welt nicht gibt « , Ullstein 2013, argumentiert er auf Seite 96-126 deutlich anders, aber keineswegs überzeugender: Die Welt, so schreibt Gabriel dort, könne nicht existieren, da sie ja in einem Sinnfeld auftrete, somit als Teil ihrer selbst auftrete, was ein Widerspruch zur Annahme sei, sie existiere.

Sein Denkfehler: Er übersieht, dass nichts, was in einem Sinnfeld auftritt, dort dann notwendigerweise auch schon in vollem Umfang auftritt.

Es lohnt sich also, Markus Gabriels Neuem Realismus als Gegenposition folgende Argumentation entgegenzustellen, die man dann als Beginn des Zeitalters des Logischen Realismus sehen kann:

Logischer Realismus geht von folgender Grundposition aus:

    Ein Ding D existiert — wenigstens als Sinnfeld —, sobald ihm jemand Sinn S zugeordnet hat mit dem Effekt, dass (D,S) sich dann als widerspruchsfreies Sinnfeld darstellt.

    Sinnvoll sprechen lässt sich nur über Dinge, denen der Sprecher schon Sinn zugeordnet hat.

    Existenz kann ihnen nur zukommen, wenn jener Sinn sie widerspruchsfrei interpretiert.

    Daher sei definiert:

    Die Welt eines Denkers besteht aus allen ihm bewusst gewordenen, widerspruchsfreien Sinnfeldern (D,S).

    Unter der Welt generell verstehen wir die Vereinigung der Welten aller Denker, die je geboren wurden. Sie ist eine ständig wachsende Klasse (oder gar Menge?) widerspruchsfreier Sinnfelder.

    Konsequenz daraus:

    Die Welt, als Sinn machendes Konzept, wird erschaffen und wächst durch unser bewusstes Denken.

    Sie existiert, soweit die darin enthaltenen Sinnfelder (= widerspruchsfreien Konzepte) Instanzen haben.

    Ein sinnbehaftetes Ding ( D2, S2 ) gilt als Instanz eines Konzepts ( D1, S1 ), wenn die Aussage » ( D2, S2 ) ist ein ( D1, S1 ) « Tatsache ist.

    Würde die Welt nicht existieren, gäbe es — nach dieser Definition — kein einziges Konzept mit Instanzen. Das aber ist falsch, da es jede Menge mathematischer Konzepte gibt, die ganz klar Instanzen haben (das Konzept » natürliche Zahl « ist das wohl wichtigste Beispiel hierfür).

    Wir sehen also: Die Welt existiert. Genauer noch: Sie existiert als eine durch die Relation » ist ein « geordnete Menge widerspruchsfreier Sinnfelder.

Nebenbei noch:

Markus Gabriel, letzlich aber auch der Logische Realismus, kennt die Welt als die Gesamtheit aller Dinge, Tatsachen und Sinnfelder.

Beide, der Neue Realismus wie auch der Logische Realismus, verstehen unter einem Ding neben allem, was materieller Art ist, natürlich auch Gedanken, Aus­sagen etwa, oder z.B. physikalische Kräfte, eben alles, was sich uns über unsere Sinne mitteilen oder in unserem Gehirn erzeugt werden kann.

Damit grenzen beide sich ganz entschieden ab vom Materialismus, über den Markus Gabriel schreibt (S. 43-45 in seinem Buch):

    “Der Materialist meint, dass es unsere Einbildungen von nicht-materiellen Gegen­ständen nur gibt, weil wir uns in bestimmten materiellen Zuständen befinden.

    Seine Behauptung, dass der Gedanke » Es gibt nur materielle Zustände « wahr sei, kann man nicht dadurch verifizieren, dass man sich alle Gegenstände (und damit auch alle Gedanken) ansieht und überprüft, ob sie materiell sind.

    Doch woher weiß der Materialist dann, dass alle Gegenstände materielle Zustände sind? Wenn er uns dies nicht mitteilen kann, haben wir keinen Grund, uns dem Materialismus anzuschließen.

    Der Materialismus ist somt keine naturwissenschaftlich beweisbare Aussage. Aber nicht nur das, er ist auch schlicht falsch.”

Letzters — nämlich falsch zu sein (da er der Welt falsche Struktur unterstellt) — werfe ich, Gebhard Greiter, auch dem Neuen Realismus vor.

Es sei nun jeder ernsthaft an Philosophie Interessierte aufgerufen, zu überprüfen, in welchem Umfang er meine oben skizzierte » Logische Sinnfeld-Ontologie « als schlüssig anerkennen kann.