Kontroverses zu Brainstorming


Brainstorming gilt als eine gute Methode, ein Team schnell auf neue Ideen zu brin­gen und ihm so neuen Schwung zu verleihen.

Sozialpsychologen, z.B. Wolfgang Stroebe von der Universität Utrecht, sehen das anders. Sie weisen darauf hin, dass mehrfach durchgeführte Studien nicht in der Lage waren, die Nützlichkeit von Brainstorming zu bestätigen. Hier zwei Beispiele dazu (siehe SZ vom 8.3.2012):

  • Schon 1958 ließen Psychologen der Universität Yale 48 Probanten in Vierer­gruppen verschiedene Aufgaben nach den Regeln des Brainstormings lösen. Die Kontrollgruppe bestand aus ebenso vielen Teilnehmern – nur mit dem Unterschied, dass sich dort alle 48 Personen jeweils alleine (ohne Kommuni­kation mit anderen) der Lösung der gestellten Aufgaben zu widmen hatten.

    Das Ergebnis: Die Einzelkämpfer präsentierten etwa doppelt so viele Ideen wie die Brainstormer. Eine unabhängige Jury bewertete diese Ideen im Schnitt zudem noch als praktikabler und besser.

  • Auch als der britische Sozialpsychologe Brian Mullen 1991 zusammen mit Kollegen 20 Studien über Brainstorming auswertete, ergab sich ganz klar: Gruppen, in denen die Probanten jeweils für sich arbeiten mussten, produ­zier­ten durchwegs mehr Ideen und gute Einfälle als Gruppen, die das über gemeinsames Brainstorming versuchten.

    Zudem ließ sich feststellen, dass der Verlust an Qualität und Quantität umso größer war, je mehr Mitglieder die Brainstorming-Gruppen hatten.

Da zahlreiche später durchgeführte Studien dieses Ergebnis bestätigten, versuchte man eine Begründung dafür zu finden. Die ursprüngliche Vermutung der Forscher, ein zu großer Teil allzu passiver Teilnehmer könnte der Grund sein, hat sich nicht bestätigt. Man denkt nun eher, dass die Gruppenmitglieder sich gegenseitig blockie­ren wegen der Regel, dass zu jedem Zeitpunkt stets nur eine Person sprechen darf (und die anderen zwar gut zuhören sollten, dies aber zu wenig tun, da sie zu sehr damit beschäftigt seien, ihre eigene Idee nicht zu vergessen bzw. sie in Worte zu fassen: Es wird ja schließlich von jedem, der nicht schon dran war, erwartet, dass er in Kürze selbst etwas Sinnvolles beisteuert).

Als jemand, der selbst mehrfach an Brainstorming Sessions teilgenommen hat,

  • kann ich diese Begründung sehr gut nachvollziehen.
  • Dennoch bin ich der Meinung, bei solcher Gelegenheit stets durch Ideen anderer im eigenen Denken befruchtet worden zu sein.

Aus meiner Erfahrung heraus hat Brainstorming nur deswegen selten nachhaltige Wirkung, weil die Initiatoren solcher Sitzungen darin entstandene Vorschläge und Einsichten bestenfalls noch protokollieren, dann aber sofort zu vergessen scheinen: Man beglückwünscht sich noch zum erfolgreichen Meeting oder Seminar, aber das war’s dann auch schon.

Anders gesagt: Es wird gesät, aber nicht mehr geerntet. Keimende Ideen – und nur solche kann eine Brainstorming Session liefern – können nicht überleben, wo man dann nicht auch wenigstens eine gezielt umsetzt oder wenigstens gezielt weiter erprobt. Leider habe ich nie erlebt, dass das wirklich passiert ist.

Hat jemand ähnliche bzw. völlig andere Erfahrungen dazu?

 

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