Eine Frage an alle Deutschlehrer an Gymnasien


Zunächst drei Beobachtungen:

  • Meine Karriere als Software-Entwickler begann damit, dass ich (in Zusammen­arbeit mit einem damals ebenfalls noch wenig erfahrenen Kollegen) Problem­analyse und Sollkonzept für die Migration einer umfangreichen Software-Anwendung auf neue Technologie zu schreiben hatte.

    Nachdem wir beide nicht recht vorankamen, beschlossen wir, jede Woche unter uns das Thema zu tauschen und nicht böse zu sein, wenn dann der jeweils andere unseren Text – und sei es nur seiner Formulierung nach – mehr oder weniger gravierend abändern würde.

    Von diesem Zeitpunkt an, machte unsere Arbeit schnelle Fortschritte.

  • Ein zweites Schlüsselerlebnis meiner Karriere war die Einsicht, dass es auch für Ingenieure, die ja recht technisch orientiert sind, extrem wichtig ist, klar, flüssig und schnell Aufsätze schreiben zu können, die gut modularisiert sind: eben so, dass jeder Leser schnell den Teil findet, der ihn gerade interessiert.

    Zudem müssen solche Abhandlungen so formuliert sein, dass es für andere Personen einfach wird, das entsprechende Dokument ohne Hilfe seiner ur­sprünglichen Autoren zu aktualisieren und fortzuschreiben – und das auch noch ganz unabhänging von seiner Länge (wir reden hier von Papieren, die typischerweise zwischen 10 und 200 Seiten umfassen).

    Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie wenige meiner Kollegen wirklich gelernt hatten, Texte so zu gestalten oder wenigstens Freude daran zu haben, über­haupt anderes als nur Code zu schreiben: Viele Programmierer – und leider auch solche mit Hochschulabschluss (!) – wirken in dieser Hinsicht fast wie Behinderte.

  • Seit etwa zwei Jahren publiziere ich im Internet. Hierbei – so wird mir mehr und mehr bewusst – ist es noch viel wichtiger, gelernt zu haben, jeden Aufsatz in kleine, einzeln für sich lesbare Teile zu zerlegen: in Seiten, die möglichst kurz, aber dennoch aussagekräftig und lesenswert sind.

    Zu unserem Glück hilft hierbei etwas, das es im klassischen Aufsatz nicht gibt: die Möglichkeit nämlich, Details der diskutieren Inhalte über Hyperlinks einzu­binden.

So zu schreiben, wie diese drei Beobachtungen als erstrebenswert — ja sogar als heute notwendig — nahelegen, lernt man sicher nicht über Deutschunterricht, wie ich ihn vor nunmehr gut 40 Jahren erlebt habe.

Deshalb meine Frage an alle Pädagogen: Wie tragen Deutschlehrer dieser neu entstandenen Anforderung heute Rechnung? Tun sie es überhaupt? Wenn ja, mit welcher Gewichtung?

Sollte man nicht wenigstens alle Schüler in der Oberstufe zwingend einen Kurs durch­laufen lassen, der ihnen die oben diskutierten Erkenntnisse präsent macht und ihnen hilft, sie einzuüben?

Und wäre es nicht zudem gut, wenn heute bei der Benotung von Facharbeiten mit berücksichtigt würde, in welchem Ausmaß es dem Schüler gelang, sein Werk hin­reichend ansprechend und leserfreundlich im schuleigenen Webauftritt zu präsen­tieren? Solche Publikation – komplett oder auszugsweise – sollte in meinen Augen zur Pflicht werden.

Für Rückmeldungen zu diesen Gedanken – seitens der Lehrer, aber auch seitens interessierter Schüler – wäre ich dankbar.

 

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